Haltung

Mein Wort zu KI

Schnelle Fineliner-Skizze: ein Hotelgebäude mit Schild und geschwungenem Tor, davor ein Zaun und eine Promenade, dahinter das Meer mit zwei Booten.
Der Blick vom Hotelbalkon nahe Valencia, während ich mein Manifest schrieb. Die Skizze ist schief und eigentlich hässlich. Aber sobald ich sie ansehe, füllt mein Kopf den Rest von selbst aus: das Meer, die Ruhe, das Wegsein vom Alltag und von den Problemen, die mir damals so groß vorkamen. Meine ganz eigene KI.

Neulich im Restposten-Discounter. Ich durchforste gerade das 1-bis-2-Euro-Regal nach Schönigkeiten, da laufen im Radio die Nachrichten: Ein KI-Agent von Anthropic soll Falschmeldungen über Online-Formulare der Polizei abgesetzt haben, ein anderer hat ein US-Visum ausgefüllt. „Und jetzt die Verkehrsmeldungen.“ Gesprochen von einer KI-Stimme. Stau am Hockenheimring.

Meine Laune war vorher schon nicht die beste. Ich beschäftige mich regelmäßig mit KI und weiß: Vieles, was ich gelernt habe, kann sie inzwischen auch. Reinzeichnung, Druckdaten anlegen, Layout, Schnitt. Und dann bekomme ich zwischen den Regalen auf dem Silbertablett serviert, dass mindestens ein Sprecher dieses Senders seinen Platz vermutlich gerade an eine Software abgegeben hat.

Die klauen uns unsere Jobs! Der Satz ist so alt wie jeder Strukturwandel, und trotzdem fühlt er sich jedes Mal neu an.

Ich verstehe die Wut

In der Designbranche weht gerade ein neuer Wind. Von ganz oben kommt der Druck, KI in jeden Workflow einzubauen, und das mittlere Management gibt ihn weiter, weil es auch nur seinen gut bezahlten Job behalten will. Ich würde es vermutlich genauso machen. Um Menschen geht es mir hier also nicht. Es geht mir um KI und um meinen Beruf.

Ich stecke mittendrin. Ich will auch sauer sein, um mich schlagen, mich wehren: gegen den Fortschritt, gegen das Neue, gegen alles, was ich anders gelernt habe. Aber Transformation lässt sich nicht aufhalten. Was sich für uns Gestalter gerade so unangenehm anfühlt: Wir sitzen auf jahrelang trainierten Fähigkeiten und werden nicht mehr gebucht.

Deshalb habe ich mit Handwerkskunst angefangen. Die kann KI nicht ersetzen. Und das hat mir die Ruhe gegeben, darüber nachzudenken, was sie sonst noch nicht kann.

Was KI nicht kann

Wenn sich jetzt also Hinz und Kunz ihre komplette Corporate Identity von ChatGPT generieren lassen, haben wir Gestalter (und fairerweise auch die Agenturen) plötzlich viel Zeit für unsere Liebsten. Nur: Die KI liefert acht Entwürfe, aber welcher davon wirklich trägt, weiß sie nicht. Und wer nie gelernt hat hinzuschauen, nimmt oft den schwächsten und merkt es nicht einmal.

Gutes Design sieht man. Schlechtes Design übersieht man.

Dafür braucht es wieder einen Menschen. Am besten jemanden, der schon Erfahrung darin hat, visuelle Welten zu bauen.

Und wenn die KI-Identität steht und die Website dazu noch schnell vibe-gecodet ist? Dann hat man womöglich ein Sicherheitsproblem, das man selbst gar nicht sieht. Wird man verklagt, hilft der Satz „Das hat mir die KI so hingestellt“ wenig. Und versuch mal, einen der großen Anbieter zu verklagen, weil im Ergebnis urheberrechtlich geschütztes Material steckt.

Auch hier ist es gut, einen Menschen zu haben. Jemanden, dem man schreiben kann: „Warum funktioniert meine Website nicht?“, und der sich dann kümmert. Dann hat man selbst wieder Zeit für seine Liebsten, und die Gestalterin keine Langeweile mehr. Ein Traum.

Mein Manifest vom Mai

Im Mai habe ich ein KI-Manifest von Hand geschrieben. Damals war meine Stimmung noch eine andere, ich war noch am Ausprobieren. Inzwischen spüre ich den Gegenwind, auf Social Media, auf Reddit, beim Frühstücksbrunch: Keiner kann KI mehr sehen.

Handgeschriebenes KI-Manifest, Seite 1: AI Design. I noticed that the amount of AI design has reached a significant share of current marketing strategies. As much as I love technological advances, this one made me feel replaceable. It’s like the work of a cook is compared to what your usual mass-produced product, that some people call convenience foods. But it also reshapes the value of real manual labor as a designer.
Abschrift Seite 1

AI Design. I noticed that the amount of AI design has reached a significant share of current marketing strategies. As much as I love technological advances, this one made me feel replaceable. It’s like the work of a cook is compared to what your usual mass-produced product, that some people call convenience foods. But it also reshapes the value of real manual labor as a designer.

Handgeschriebenes KI-Manifest, Seite 2: Despite my own concerns, I am looking forward to the changes of the industry. It will liberate good and hard-working designers [from being]* chained to mind-numbing work that sucks the soul out of your creative and inspiring minds. It will turn into more solutions that aren’t bound to what you usually sold.
Abschrift Seite 2

Despite my own concerns, I am looking forward to the changes of the industry. It will liberate good and hard-working designers [from being]* chained to mind-numbing work that sucks the soul out of your creative and inspiring minds. It will turn into more solutions that aren’t bound to what you usually sold.

* Im Original steht „to be“. Gemeint war „from being“, hier korrigiert.

Handgeschriebenes KI-Manifest, Seite 3: The designer of today has the ultimate chance to reshape and further develop the field. We were already straying away from highly-specialized experts to intuitive observers and generalists. That was an impressive transformation. To keep it alive, it must move. Standing still is stagnation.
Abschrift Seite 3

The designer of today has the ultimate chance to reshape and further develop the field. We were already straying away from highly-specialized experts to intuitive observers and generalists. That was an impressive transformation. To keep it alive, it must move. Standing still is stagnation.

Wer bleibt

Dabei kann man mit KI Bilder erzeugen, die gar nicht nach KI aussehen. Dafür braucht es aber jemanden, der gestalten kann, sich stundenlang in Midjourney verliert und Prompts verfeinert. Nur verdursten genau diese Leute gerade, weil die Aufgaben im Mittelfeld automatisiert werden. Viele werden sich umorientieren. Bleiben werden die, die das Menschliche, das Handwerkliche und das Unpolierte zur Geltung bringen können.

Konsequent zu Ende gedacht: KI kann nicht betrunken sein. Menschen schon. Wenn Maschinen bald alles nüchtern, fehlerfrei und auf Knopfdruck erledigen, wird ausgerechnet das zum Alleinstellungsmerkmal, was sie nie können werden. Einen über den Durst trinken, den schiefen Strich ziehen, um zwei Uhr nachts die Idee haben, auf die nüchtern niemand gekommen wäre. Ich sehe die Stellenanzeigen schon vor mir: „Kreativkraft gesucht. Restalkohol erwünscht.“

Bis es so weit ist, reicht etwas Nüchterneres:

Der Kratzer auf der Motorhaube des Werkstattwagens wird bald das Hero-Visual im Imagefilm. Nicht mehr die polierte Marmortheke im Foyer.